Aktuelles

"Vokabeln lernen ist nicht immer toll"

Tokio, Bramsche, Shanghai – Katharin Tai ist im Moment viel unterwegs. Die 17-jährige Abiturientin, die beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen sämtliche Preise abgeräumt hat, vertieft ihre Sprachkenntnisse im Ausland. Bei einem kurzen Zwischenstopp in ihrer Heimatstadt Bramsche hat sie mit Bildung & Begabung über die Stimmung in Japan, den Spaß am Sprachenlernen und ihre Pläne für die Zukunft gesprochen.

Weitere Infos...

... zu den verschiedenen Wettbewerben im Bundeswettbewerb Fremdsprachen. Bei drei von ihnen (Ostasienwettbewerb, Oberstufenwettbewerb, Kreativwettbewerb) ist Katharin Tai Preisträgerin.

24.08.2011
Katharin, Du bist vor einigen Tagen aus Japan zurückgekehrt. Was hast Du dort gemacht?

Ich war mit der Niedersachsen-Delegation der Deutschen Sportjugend in Japan. Wir sind drei Wochen durchs Land gereist und haben vier verschiedene Städte besucht: Nara, Arida, Osaka und Tokio. Ich hab viel über die Menschen und die Kultur gelernt. Auch weil wir die meiste Zeit in Gastfamilien gewohnt haben. Nur in Tokio waren wir im Hotel untergebracht. Es war meine erste Japanreise und ich bin wirklich total begeistert.

Vergrößern
Katharin Tai (Mitte) bei einem Empfang während ihrer Japan-Reise
Japan ist ja durch das Erdbeben und die Atomkatastrophe schwer gebeutelt. Hast Du davon etwas mitbekommen?

Wir waren ja nur im Süden unterwegs, da merkt man so direkt nichts davon. Die Japaner haben uns aber darauf angesprochen und gesagt, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Ich habe mich auch mit jemandem unterhalten, der im Norden war und von einer unvorstellbaren Zerstörung berichtet hat. Insgesamt wirken die Menschen zwar relativ ruhig und optimistisch, man spürt aber schon, dass sie besorgt sind.

Wie hast Du Dich denn überhaupt mit den Japanern verständigt?

In den ersten Tagen hab ich noch ein bisschen Englisch gesprochen, aber dann nur noch Japanisch. Meine Sprachkenntnisse haben sich echt verbessert. In drei Wochen im Ausland lernt man mehr als in einem Jahr im Sprachkurs. Ich konnte mich mit den Jugendlichen zum Schluss wirklich unterhalten. Das hat total viel Spaß gemacht und wir haben uns richtig angefreundet.

Wärst Du ohne Deinen Erfolg beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen auch nach Japan gereist?

Wahrscheinlich nicht. Ich bin schon lange im Sportverein aktiv, wusste aber gar nicht, dass es dieses Austauschprogramm der Sportjugend gibt. Der Delegationsleiter hat in der Zeitung gelesen, dass ich den Ostasienwettbewerb gewonnen habe und mich dann gefragt, ob ich mitfahren möchte. Da hab ich natürlich zugesagt. Mit dem Preisgeld, das ich beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen gewonnen habe, konnte ich die Reise auch finanzieren.

Wie bist Du denn überhaupt darauf gekommen, beim Ostasienwettbewerb mitzumachen?

Da ich mich sehr für Japan interessiere, habe ich angefangen, mir die Sprache selbst beizubringen. Auf der Internetseite des Bundeswettbewerbs Fremdsprachen habe ich dann entdeckt, dass es auch einen Anfängerwettbewerb für Japanisch gibt. Im Vorjahr hatte ich mit einer englischen Kurzgeschichte beim Kreativwettbewerb den 2. Platz gewonnen. Da dachte ich mir, dass ich es ja auch mal mit Japanisch versuchen kann.

Das hat ja gut geklappt. Und nicht nur das: Du hast 2010 neben dem Ostasienwettbewerb auch den Oberstufenwettbewerb gewonnen. Da bist Du mit Englisch, Französisch, Latein und Japanisch angetreten. Außerdem sprichst Du auch noch Schwedisch. Wie wird man ein solches Sprachgenie?

Ich habe wohl das Glück, dass ich ein gewisses Talent für Sprachen mitbekommen habe. Wenn ich eine neue Sprache lerne, komme ich meistens schnell voran. Das motiviert mich natürlich, viel Elan und Zeit in die Fremdsprachen zu stecken. Vokabeln zu lernen, finde ich auch nicht immer toll. Wenn ich dann aber das erste Mal ein Buch in einer fremden Sprache verstehe oder mich auf einmal mit Japanern oder Schweden unterhalten kann, dann ist das ein Erfolgserlebnis. Das löst bei mir schon Glücksgefühle aus.

Was ist das Tolle daran, mehrere Sprachen zu sprechen?

Bei Sprache geht es ja immer um Kommunikation. Sprache erschließt uns die Welt. Wenn ich mehrere Sprachen beherrsche, bekomme ich auch mehr von der Welt mit – man lernt mehr Menschen und auch mehr Sichtweisen kennen. Ich finde es zum Beispiel sehr spannend, zu lesen, wie in der englischen Presse über Deutschland berichtet wird. Bei den Endrunden im Bundeswettbewerb Fremdsprachen hab ich Leute kennengelernt, die das genauso interessant finden. Da konnten wir uns gut austauschen.

Vergrößern
Du hast im Frühling Abitur gemacht. Wie geht es jetzt für Dich weiter? Wirst Du im Ausland studieren oder arbeiten?

Ursprünglich wollte ich nach Japan gehen. Ich hatte da sogar schon einen Job, aber wegen des Erdbebens und Fukushima wird daraus leider nichts. Dafür habe ich aber etwas anderes gefunden: Im September fliege ich für ein Jahr nach Shanghai, um dort einen Freiwilligendienst als Fremdsprachenassistentin zu absolvieren. Ich werde die Deutschlehrer in einer Berufsschule bei ihrer Arbeit unterstützen. Das Programm läuft über das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut. Was genau auf mich zukommt, weiß ich auch noch nicht. Ich bin gespannt.

Sprichst Du denn überhaupt Chinesisch?

Bis vor ein paar Monaten konnte ich noch gar kein Chinesisch. Im Juni habe ich einen dreiwöchigen Intensivkurs gemacht. Das hat mir schon viel gebracht. Außerdem ist mein Großvater Chinese. Er wohnt auch in Deutschland und freut sich, wenn er mit mir Chinesisch sprechen kann.

Helfen Dir Deine Japanischkenntnisse auch beim Chinesischlernen?

Nicht viel. Die Grammatik ist ganz anders und auch der mündliche Sprachgebrauch. Die Denkweise von Chinesen und Japanern allgemein ist vollkommen unterschiedlich. Es hilft aber dahingehend, dass sich Japanisch und Chinesisch doch ähnlicher sind als Deutsch und Chinesisch – so wie es vielleicht einem Asiaten helfen mag, Englisch zu können, wenn er Deutsch lernt.

Was erwartest Du insgesamt von Deinem Aufenthalt in China?

Ganz viele wichtige Erfahrungen. Ich habe Japan erlebt, jetzt bin ich gespannt auf China. Zuerst einmal werde ich mir meine erste eigene Wohnung suchen. Shanghai ist so riesig, das wird sicher aufregend. Es ist auch das erste Mal für mich, dass ich so lange von meiner Familie und meinen Freunden weg bin. An Tagen wie Weihnachten ist das bestimmt schwierig, aber das alles bringt mich sicher ein ganzes Stück weiter.

Weißt Du denn schon, was Du danach machen willst?

Ich könnte mir schon vorstellen, langfristig im Ausland zu arbeiten. Eine Zeit lang würde es mir bestimmt Spaß machen, zu dolmetschen. Aber irgendwann wird das vielleicht langweilig, weil man immer nur das übersetzt, was andere sagen. Ich möchte lieber selbst kreativ sein. Toll wäre es zum Beispiel als Auslandskorrespondentin für eine Zeitung oder einen Fernsehsender zu arbeiten. Aber da muss man wirklich gut sein, mal sehen.

Wie verbringst Du jetzt die letzten Tage vor der Abreise nach China? Musst Du noch viel vorbereiten?

So viel ist das nicht mehr. Das Visum hab ich, jetzt muss ich eigentlich nur noch die Koffer packen und mich von meiner Familie und meinen Freunden verabschieden.

Hast Du einen Glücksbringer, der bei allen Deinen Reisen mit im Koffer ist?

Seit Japan ja – ein kleiner Totoro, eine Figur aus einem japanischen Kinderfilm

Interview: Birgit Lüke